Die Verhältnisse sind ungerecht!
Die Geschlechterverhältnisse in unserer Gesellschaft sind ungerecht. Frauen und Mädchen erleben schon von frühester Kindheit an Geringschätzung, Belästigung und Gewalt, die nicht nur, aber meist von Männern ausgehen. Frauen sind auch im beruflichen Leben meist schlechter gestellt. Berufe, in denen hauptsächlich Frauen arbeiten, werden geringer entlohnt. Wegen der ungleichen Verteilung von Aufgaben in der Kindererziehung und im Haushalt zwischen Menschen mit Kindern arbeiten sie oft einen Teil ihres Lebens Teilzeit. Oft werden Frauen aber auch schlicht deshalb schlechter bezahlt, weil sie Frauen sind. Wenn der Frauenanteil in einer Branche steigt, sinkt das Gehalt in der gesamten Branche. Das kann spätestens in der Pension zu Armut führen. Außerdem führt das dazu, dass Frauen oft abhängig sind von ihren Vätern oder Partnern. In der kapitalistischen Klassengesellschaft genießen Männer eine relative Besserstellung und profitieren dadurch auch von der Unterdrückung der Frauen, ganz nach dem Motto „Teile und herrsche!“. Männer werden verhältnismäßig besser bezahlt, im Haushalt umsorgt und bei der Kindererziehung entlastet. Nicht selten nutzen Männer ihre Machtposition in den ungerechten Geschlechterverhältnissen auch aus. Zwar schaden die vorherrschenden Rollenbilder auch den Männern, wenn es beispielsweise darum geht, den Umgang mit Gefühlen zu lernen oder dem enormen Leistungsdruck standzuhalten, der im typisch männlichen Stereotyp propagiert wird. Sie trifft aber nicht die Hauptlast der ungerechten Geschlechterverhältnisse in unserer Gesellschaft. Diese trifft einerseits wie eben geschildert Frauen. Andererseits trifft sie auf verschiedene Weise auch trans und nichtbinäre Personen, die nicht in das vorherrschende Schema passen, dass man als Mann oder Frau geboren wird und sich in die jeweils vorgesehene Rolle zu fügen hat.
Die Politik hat keine Lösungen
Welche Lösungen bieten die verschiedenen politischen Strömungen in unserer Gesellschaft für dieses Problem an? Wie wollen sie die ungerechten Geschlechterverhältnisse beseitigen? Rechte und Konservative sehen in den Verhältnissen gar kein Problem. Geht es nach ihnen, sollen sich alle in die für sie vorgesehenen Rollen fügen. Wenn überhaupt, wollen sie Unterdrückung aufgrund des Geschlechts in rassistischer Manier nur bei „den Ausländern“ sehen. Unter Liberalen, unter Bürgerlichen dagegen wird das Problem der ungerechten Geschlechterverhältnisse grundsätzlich schon anerkannt. Liberale oder bürgerliche Feminist:innen sehen die Lösung aber trotzdem nur bei Einzelpersonen: Frauen müssten nur härter arbeiten, einen Ausbildungsweg beschreiten und einen Beruf wählen, der höhere Bezahlung verspricht und fleißig die Karriereleiter hinaufsteigen. Die dann noch für Haushalt und Kindererziehung für österreichische Hochverdienerpaare benötigten Arbeitskräfte lassen sich in ihrer Vision dann günstig über den internationalisierten Arbeitsmarkt der EU beschaffen. Auch am linken Rand des Liberalismus warten keine besseren Lösungen. Die durch Quotenregelungen erzwungene Besetzung der Vorstandsetagen mit gleich vielen Frauen und Männern wird das Leben der großen Mehrheit in diesem Land nicht verbessern. Geben sich bürgerliche einmal ganz radikal, dann sehen sie in der einen Spielart höchstens das Problem in „den Männern“ oder verklären in der anderen Spielart ausbeuterische Praktiken wie Prostitution als befreiend. Aber wie können wir also den ungerechten Geschlechterverhältnissen sinnvoll begegnen?
Es ist eben diese Prekarisierung, die viel zu viele Frauen und nicht-männliche Personen in die Prostitution treibt. Dort erfahren sie patriarchale Gewalt in einem extremen Ausmaß. Um Prostituierten zu helfen, muss daher auch die Stellung der Frau im Allgemeinen verbessert werden, nicht nur die der Prostituierten. In der öffentlichen Wahrnehmung herrscht eine Diskrepanz zwischen dem Ideal der vermeintlich freiwilligen Prostituierten und dem realen Leid der Elendsprostituierten, zum Beispiel aus dem osteuropäischen Raum. Das erschwert eine objektive Analyse der Fakten im Zusammenhang mit dem inhärent gewalttätigen System der Prostitution. Am Ende geht es bei “Sexarbeit ist Arbeit” mehr darum, die Interessen der Sexindustrie oder einer oft ökonomisch privilegierten Minderheit zu schützen, als Frauen und nicht-männliche Personen zu schützen, die zur Prostitution gezwungen oder gedrängt werden.
Marxistischer Feminismus
Für uns ist die Lösung klar: Klassenkampf gegen die Frauenunterdrückung und Unterdrückung aufgrund des Geschlechts überhaupt. Wir vertreten einen marxistischen Feminismus, auf dessen Basis wir alle gemeinsam sowohl für Verbesserungen im Hier und Heute als auch für den Sozialismus kämpfen. Denn es können zwar prinzipiell Menschen aller Klassen von Unterdrückung aufgrund des Geschlechts betroffen sein, bei Angehörigen der arbeitenden Klasse hat diese allerdings in zwei Aspekten eine eigene Qualität. Einerseits sind sie gezwungen, als Lohnabhängige ihre Arbeitskraft zu verkaufen und damit den Reichtum der wenigen Eigentümer zu erarbeiten. Andererseits wird mit der nach Geschlecht ungleich verteilten Arbeit in Haushalt und Kindererziehung ein großer Teil der gesellschaftlich notwendigen Arbeit unbezahlt verrichtet. Darüber hinaus werden Frauen und andere aufgrund des Geschlechts Unterdrückte schlechter bezahlt. Das wiederum steigert den von den Kapitalisten auf dem Rücken der arbeitenden Klasse erwirtschafteten Profit. Frauen sind also einer doppelten Ausbeutung ausgesetzt. Die Kapitalisten müssen für die Kosten der Erneuerung der Arbeitskraft nur teilweise aufkommen und können die Lohnkosten überhaupt senken. Trans und nichtbinäre Personen der arbeitenden Klasse übernehmen ähnlich wie Frauen oft unbezahlte Reproduktionsarbeit und werden in der Regel ebenfalls schlechter bezahlt. Sie werden darüber hinaus außerdem am Wohnungs- und Arbeitsmarkt diskriminiert, in dem sie ausgeschlossen und in spezifische Branchen abgedrängt werden. Sie sind also einer Überausbeutung ausgesetzt, die ebenfalls den kapitalistischen Profit steigert. Die herrschenden Geschlechterverhältnisse werden durch die Androhung von Konsequenzen bei ihrer Überschreitung gestützt.
Der Ursprung der Unterdrückung und Ausbeutung aufgrund des Geschlechts liegt in der Entstehung von Eigentumsverhältnissen, die auf der privaten Aneignung von Reichtum und Arbeit beruhen. Unterdrückung und Ausbeutung aufgrund des Geschlechts gab es deshalb auch schon in den Gesellschaftsformationen vor dem Kapitalismus. Die Entstehung des Privateigentums machte geschichtlich die Familienform der Monogamie notwendig, um dessen Vererbung kontrollieren zu können. Die entstehende Produktion auf Basis der Familie und des Haushalts brachte eine verfestigte geschlechtliche Arbeitsteilung. Um diese geschlechtliche Arbeitsteilung herum haben sich historisch wandelbare Geschlechter- und Rollenbilder formiert, die wiederum Unterdrückung und Ausbeutung ideologisch stabilisieren. Mit einer marxistischen Herangehensweise erkennen wir also, dass Geschlechterverhältnisse historisch gewachsen sind. Je nach ihrer konkreten gesellschaftlichen Ausformung und Einbindung in ökonomische Verhältnisse stellen sie sich unterschiedlich dar. Wir sind daher überzeugt, dass sie verstanden und verändert werden können.
Kann es Frauenbefreiung und Geschlechtergerechtigkeit im Kapitalismus geben?
Der Kapitalismus trägt zwar das Potential für Verbesserungen in sich, enthält aber gleichzeitig Widersprüche, die eine positive Umgestaltung der Geschlechterverhältnisse verhindern. Die immer stärkere Einbeziehung der gesamten arbeitenden Klasse in die Lohnarbeit untergräbt die ökonomische Abhängigkeit von Männern als „Ernährern“ und der auf Monogamie beruhenden Kernfamilie. In einem gewissen Rahmen können Frauen also so Selbstständigkeit erlangen, sowie trans und nichtbinäre Personen Akzeptanz erfahren. Das ist eine Entwicklung, die wir so im Verlauf der letzten Jahrzehnte in unserem Land beobachten konnten. Andererseits will das Kapital nicht auf den Vorteil verzichten, nicht für die gesamten Kosten der Wiederherstellung der Arbeitskraft aufkommen zu müssen. Darüber hinaus ist das Privateigentum an den Produktionsmitteln auch für den Kapitalismus grundlegend. Es ist aber dieses Privateigentum an den Produktionsmitteln, das für die herrschenden Geschlechterverhältnisse grundlegend ist. Seine Aufhebung und die Vergesellschaftung der Produktionsmittel werden sich allein mit Reformen im Kapitalismus nicht durchsetzen lassen.
Geschlechterideologien im Kapitalismus
Die bestehenden Geschlechterverhältnisse im Kapitalismus werden durch die Ideologien der herrschenden Klasse untermauert. Von der Erziehung, über das Schulsystem bis hin zu den Medien: Die Menschen werden nach Geschlechterrollen geformt, die letzten Endes dieses ausbeuterische System stützen. So scheint es in unserer Gesellschaft „ganz normal“, dass beispielsweise Mütter zusätzlich zu Lohnarbeit die ganze Hausarbeit machen und die Kinder erziehen, ohne für die ganze Arbeit entlohnt zu werden. Väter dagegen „helfen“ höchstens einmal – im eigenen Haushalt und bei den eigenen Kindern. Berufe, in denen es ebenfalls um die Erziehung der Jungen oder die Pflege der Alten, also der zukünftigen und der ehemaligen Arbeiter:innen, geht, werden währenddessen als „Frauenberufe“ gesehen und ebenfalls geringer bewertet und bezahlt. Auch der in unserer Gesellschaft über alle Klassengrenzen hinweg weit verbreitete Sexismus, das Dulden und die Rechtfertigung von Belästigung auf der Straße, von sexueller Gewalt bis hin zu Morden ist eine ideologische Stütze des Systems. Frauen und alle, die nicht in das Schema Mann/Frau passen werden so tagtäglich unten gehalten. Je nach Spielart der herrschenden Ideologien ist der Grund für diese himmelschreiend ungerechten Verhältnisse dann Gottes Wille, die Biologie oder das persönliche Versagen der Leidtragenden.
Weil traditionelle Geschlechterrollen, Sexismus und Gewalt also Stützen des kapitalistischen Systems sind, dürfen wir diese Probleme nicht rein moralisch betrachten. Es reicht nicht, nur darauf hinzuarbeiten, das Bewusstsein und Verhalten aller Menschen zu verändern. Gendergerechte Sprache und Schrift, feministische Bildungsarbeit und eine progressive Darstellung von Geschlechterrollen in den Medien sind wichtig, sie allein werden das Problem aber nicht lösen. Die herrschenden Ideologien bezüglich der Geschlechterverhältnisse sind Produkte der kapitalistischen Produktionsweise. Sie können deswegen auch nur durch das Ablösen des Kapitalismus durch den Sozialismus beseitigt werden. Die herrschende Klasse hat deshalb auch ein Interesse daran, diese für sie vorteilhaften Ideologien bezüglich der Geschlechterverhältnisse zu erhalten und ist durch den Staat, das Bildungssystem und das Privateigentum über die Produktionsmittel in den Medien auch viel besser in der Lage dazu.
Unsere Lösung: Klassenkampf
Was heißt es also für uns, den Kampf gegen die herrschenden Geschlechterverhältnisse als Teil unseres Klassenkampfes zu sehen? Ausbeutung und Unterdrückung aufgrund des Geschlechts betrifft Angehörige der arbeitenden Klasse anders als jene der herrschenden Klasse. Und sie betreffen die Hälfte der arbeitenden Klasse, wenn nicht mehr. Sie bestimmen ihre Erfahrung, ihre Selbstwahrnehmung und nicht selten ihre Sicht auf die Gesellschaft und damit ihre Politisierung. Weil wir für die Befreiung der Arbeitenden Klasse kämpfen, kämpfen wir auch für ihre Befreiung von der Unterdrückung aufgrund des Geschlechts. Im Rahmen unseres dialektischen Verständnisses von Reform und Revolution bedeutet das, dass wir durch unseren Kampf für Verbesserung im heutigen Alltag die Kräfte der arbeitenden Klasse sammeln und schulen wollen. Wir kämpfen alle gemeinsam als Genoss:innen für bessere Löhne, gleiche Chancen in Ausbildung und Berufswahl und gleiche Bezahlung. Wir kämpfen für die Einbindung aller in den Produktionsprozess und für die Vergesellschaftung der Reproduktionsarbeit. Wir kämpfen gegen traditionelle Rollenbilder und Sexismus in der Schule und in den Medien. Wir verwenden geschlechtergerechte Sprache in Wort und Schrift. Im Sinne der Einheit von Theorie und Praxis verurteilen wir Sexismus und Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung in der Gesellschaft und im Verband. Nach dem Prinzip von Kritik und Selbstkritik ist jedes Verbandsmitglied dazu angehalten, die eigene Rolle innerhalb der Geschlechterverhältnisse und das Verhalten gegenüber anderen Personen zu reflektieren und gegebenenfalls zu ändern.
Unser Ziel dabei ist es, einen revolutionären Umbruch in den bestehenden Verhältnissen zu erreichen und den Sozialismus aufzubauen. Wir sind uns dabei bewusst, dass der Kampf gegen die Frauenunterdrückung und jegliche Unterdrückung aufgrund des Geschlechts auch im Sozialismus fortgesetzt werden muss. Unser Kampf beginnt jetzt und hier und endet erst in einer klassenlosen Gesellschaft.