Die Widersprüche im Kapitalismus spitzen sich zu

Der gesellschaftlich produzierte Reichtum wächst, während die Anzahl der armutsgefährdeten und in Armut lebenden Menschen in Österreich stagniert. Die Profite der Großunternehmen steigen, wohingegen die herrschende Politik die Arbeitsbedingungen verschlechtern will, was ihr teilweise auch gelingt. Trotz des enormen technischen Fortschritts gilt in Österreich nun schon seit 1975 die 40h-Woche als Normalarbeitszeit. Die gesellschaftliche Vermarktung, die jeden Lebensbereich dem Profitstreben der Kapitalistenklasse unterordnet, betrifft die Menschen durch ihre fast ausschließlich negativen Konsequenzen wie gesteigertem Leistungsdruck, sozialer Unsicherheit und Existenzängste. Dies trifft vor allem junge Menschen: waren vor wenigen Jahrzehnten feste, langfristige Dienstverhältnisse die Regel, muss der Großteil der arbeitenden Jugendlichen heute versuchen, sich mit schlecht oder gar nicht bezahlten Praktika, befristeter Beschäftigung, Leiharbeit, Arbeit auf Werkvertragsbasis oder Beschäftigung in Scheinselbstständigkeit irgendwie über Wasser zu halten. Die zunehmende Zerstückelung des Arbeitsprozesses lässt immer weniger positive Identifizierung mit diesem zu. Der Mensch wird vereinzelt, entsolidarisiert, vom Gesellschaftstier zum einsamen Wolf gemacht, ein Phänomen, das Karl Marx „Entfremdung“ nannte.

Die Möglichkeit einer anderen, neuen Gesellschaft wird in der herrschenden Auffassung, egal ob in Medien oder Politik, als unerreichbar dargestellt. Soll eine Systemkritik weiterführen, als bis zur Erkenntnis, dass „etwas nicht stimmt“ bzw. „in die falsche Richtung läuft“, muss man es wagen einen Schritt weiter zu denken: Wie könnte Gesellschaft ausschauen, in der das Wohl des Großteils der Bevölkerung und nicht einiger weniger im Mittelpunkt steht? Ist ein anderes System überhaupt möglich?

Die Lüge vom „einzig möglichen System“

Verständlich, dass die Leute, die von diesem System profitieren, die das große Geld machen und direkt oder indirekt an den Hebeln der Macht sitzen, alles daran setzen, dass eben dieser Gedanke von der Systemalternative niemals aufkommt. Es kann nur (sagen sie), es darf nur (meinen sie) ein System, nämlich ihr System, geben. Und das System der Kapitalistenklasse ist nun einmal der Kapitalismus.

Karl Marx schrieb in seinem Werk Die deutsche Ideologie: „Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht.“ Er meint damit, dass die Mächtigen notwendigerweise das Interesse ihrer Klasse, nämlich den Fortbestand des Kapitalismus, als das allgemeine Interesse der Gesellschaft darstellen müssen, wenn sie ihre Herrschaft erhalten wollen. Ihre eigenen Vorstellungen trichtern sie uns mittels ihrer Medienmacht und ihres Bildungssystems ein. Läuft die herrschende Idee Gefahr, durch ein fortschrittliches gesellschaftliches Bewusstsein ersetzt zu werden, reagiert die Kapitalistenklasse mit Ausnutzung des Gewaltmonopols des ihr dienlichen bürgerlichen Staates: Repressionen sind die Folge.

Ideologischer Klassenkampf

Die kapitalistischen Verhältnisse lassen Wünsche und Bedürfnisse entstehen und versprechen, diese zu erfüllen. Dadurch können sie sie vermarkten. Erfüllt werden sie schließlich aber nur für diejenigen, die es sich leisten können – der Rest muss sich mit Bildern aus dem Internet begnügen. Wie können aber die Herrschenden trotz der Ungerechtigkeiten das bestehende System als das Beste, ja sogar das einzig mögliche System inszenieren?

Früher waren die Religion und ihre institutionelle Vertretung, die Kirche, der herrschenden Klasse sehr nützlich, indem die Religion den Menschen weismacht, ein gehorsames Leben führe zur Erlösung nach dem Tod. Das hat die Menschen davon abgehalten, für ein würdevolles Leben im Diesseits zu kämpfen.

Dann waren es die Massenmedien und die Kulturindustrie, welche die goldenen Hallen und Heiligenstatuen der Kirche durch schnelle Autos, leistungsstarke Computer und teure Kleidung ersetzt haben. Ziel ist es, den Menschen weiszumachen, das gute Leben sei für jeden erreichbar, man müsse nur hart genug arbeiten. Durch pseudowissenschaftliche Propaganda wird die Lüge vom „einzig möglichen System“ aufrechterhalten.

Heute sind es Posts und Kurzvideos von schönen Reisezielen, den Schönheitsidealen entsprechenden Körpern oder gelungenen Krypto-Trades von Influencern, die uns ein perfektes, unbeschwertes Leben vorgaukeln. Der von seinen Mitmenschen entfremdete Mensch soll Erlösung finden durch die „Hustler“-Ideologie, einen durchtrainierten Körper oder Erfolg als Influencer. Die Folge ist Entpolitisierung, Passivität und Resignation.

Kulturindustrie

Jegliche Kultur entstand aus dem gesellschaftlichen Leben heraus und ist verankert in der Gesellschaft, aus der sie kommt. Somit hat Kultur einen Bezug zu Klassen: Sie ist Ausdruck einer ökonomischen Klasse und dadurch natürlich tief politisch. Die herrschende Klasse sieht Kultur insofern als Möglichkeit zur Unterhaltung der Massen und Profitgenerierung. Politische Elemente werden oft verwässert oder gar dieser beraubt, sodass diese oft eher milde Kritiken an die bestehenden Verhältnisse beinhalten. Änderungen in der Kulturindustrie selbst ziehen sich schleppend voran oder sind oft nur symbolisch, in der vielleicht einzelne Individuen zur Rechenschaft gezogen werden oder die ein oder andere Stimme mit gewisser Mäßigkeit zum Ausdruck kommt. Die Vormachtstellung der von ihr getragenen und geformten Kultur bleibt im Gros jedoch bestehen.

Schauen wir uns das Beispiel Musik an. Sei es Hip-Hop/Rap, traditionell Protest und eine wichtige Ausdrucksform der afroamerikanischen Bevölkerung der USA, die vielfach verarmt, ausgegrenzt und entrechtet ist, oder Punk als Protestmusik der angloamerikanischen und kontinentaleuropäischen jungen Arbeiter:innenklasse. Dabei hat auch eben dieser Aspekt dazu beigetragen, dass Hip-Hop/Rap und Punk weltweit zu einem unerlässlichen Teil der Musikkultur wurden und zu zahlreichen lokalen Ausprägungen fand, sprich sich lokalisiert hat. Beide sind in ihrer kommerziellen Form zu Marketing-Schmähs verkommen und werden von der Kulturindustrie genutzt, um jungen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen und diese oft von der Anerkennung ihrer Lebensrealitäten zugunsten von Medienrummel und Konsum abgelenkt werden. Radikale progressive politische Inhalte wie Herrschaftskritik oder Kritik an rassistischer Polizeipraxis sind zu einem großen Teil auf sexistische Stereotypen, selbstzerstörerischen Drogenkonsum, Geld, Partys, etc. ersetzt worden.

Auch im Sport, z.B. Fußball, dem „Ballett der Arbeiter:innenklasse“, erkennen wir dieselbe Tendenz. Das Fußballstadion war ein Ort, an dem sich die Arbeiter:innen am Wochenende an ihren Chefs rächen konnten, wenn der Arbeiter:innenverein den Kapitalistenverein vom Platz schoss. Politik und der Zusammenhalt der Arbeiter:innenklasse haben also immer schon mit zum Spiel dazugehört. Wenn wir heute vom „modernen Fußball“ sprechen, müssen wir einsehen, dass hier die Kapitalisten schon vor dem Spiel gewonnen haben. Es ist zu einem durchreglementierten und kommerzialisierten Spektakel verkommen, wo Sponsoren bestimmen und Fans zu Konsumenten degradiert werden.

Medien

Die Krise des Kapitalismus geht mit der Krise seiner Medien einher. In wenigen Bereichen treten die Widersprüche der heutigen Gesellschaftsordnung offener zutage. Waren die Losungen „Pressefreiheit“ und „Recht auf freie Meinungsäußerung“ früher unhintergehbarer Bestandteil der aufstrebenden bürgerlichen Klasse im Kampf gegen die feudalistische Zensur, so zeigte sich schon bald der Klassencharakter dieser Forderungen. Frei geäußert werden sollten das Recht auf Privateigentum an Produktionsmitteln oder die Lehre vom bürgerlich-liberalen Staat,auf gar keinen Fall jedoch die Positionen der für eine andere Gesellschaftsordnung kämpfenden Arbeiter:innenbewegung. Zwar gelang es dieser und anderen Bevölkerungsschichten immer wieder, eigene Medien zu etablieren, doch nur nach harten Kämpfen konnten sich diese gegen jene kapitalstarker Medienmagnaten behaupten.

Am deutlichsten kommt die völlige Konformität der führenden Massenmedien mit den herrschenden Verhältnissen bei der Programmgestaltung bei den sogenannten öffentlich-rechtlichen Fernseh- und Rundfunkanstalten zum Ausdruck, die fast keinen Unterschied mehr zu jener der Privatsender aufweist. Sprachkurse, wie sie früher aus dem Vormittagsprogramm des ORF nicht wegzudenken waren, Senderaum für politische Diskussionen abseits des von Krone-Schlagzeilen dominierten Medienalltags – all dies musste dem „Quote“ genannten goldenen Kalb der Medienlandschaft geopfert werden.

Damit erfüllen die Massenmedien mit ihrer Themensetzung, Meldungsselektion und durch die Wahl ihrer Unterhaltungsformate eine nicht zu unterschätzende Funktion für die Aufrechterhaltung des kapitalistischen Gesellschaftssystems.

Für Österreich mit seinem nahezu monopolartig organisierten Printmediensektor stellt die Frage der Medien eine politische Herausforderung auch für uns Kommunist:innen dar. Die Kronen Zeitung wird fast von jedem Vierten täglich gelesen und ist damit im Verhältnis zur Bevölkerung die auflagenstärkste Tageszeitung der Welt. Sie übt damit gehörigen Druck auf alle Vertriebs- und Druckstrukturen aus. Zusammen mit ihren Tochterblättern („Kurier“, etc.) nimmt sie de facto eine Monopolstellung ein, die es ihr wiederum ermöglicht, die öffentliche Meinung im Geiste der kapitalistischen Ordnung zu beeinflussen.

Insofern kann es nur als Verhöhnung empfunden werden, wenn sich Mainstream-Medien mit dem Etikett „unabhängig“ schmücken, während ihre Inhalte und ihre Themenauswahl von Monopolkapitalisten diktiert werden, deren Einfluss auf ihre Funktion als Eigentümer oder zahlungskräftiger Inserent fußt.

Die Ausprägung alternativer Informations- und Kommunikationskanäle ist daher für junge Kommunist:innen unerlässlich! Denn trotz der Inanspruchnahme aller Medien, auch der individualisierten sozialen Medien, durch die Kapitalistenklasse, eröffnen sich durch sie ungeahnte Möglichkeiten der demokratischen Mitbestimmung. Gemeint ist damit eine neue Kultur des gesellschaftlichen Austausches, der die Chance bietet, das Meinungsmonopol der Herrschenden zu durchbrechen und Ideen von einer von Ausbeutung befreiten Gesellschaft zu verbreiten.