“Wacht auf, Verdammte dieser Erde, die stets man noch zum Hungern zwingt!” – Dabei handelt es sich, wie wir wissen, um die erste Strophe der allbekannten “Internationale”. Besungen werden alle geknechteten und unterjochten Arbeiter:innen. Frantz Fanon, ein auf Martinique geborener Psychiater und einer der wichtigsten antikolonialen Theoretiker, entlehnt daraus den Titel seines viel beachteten Buches gegen den Kolonialismus: “Die Verdammten dieser Erde”. Dabei hat er nicht das europäische Industrieproletariat vor Augen, sondern die von europäischen Kolonialherren unterdrückten Menschen in den damaligen kolonialen Gebieten Afrikas und Asiens.
Das Erscheinungsjahr des Buches, 1961, ist gleichzeitig Fanons Todesjahr. Das Zeitalter der formellen Dekolonisation war längst eingetreten, allerdings zeichnete sich das Ende der kolonialen Herrschaft nicht für alle Kolonisierten ab. Erst 1962 gelang es der algerischen Nationalen Befreiungsbewegung (FLN), nach einem der blutigsten Befreiungskriege, sich von der französischen Kolonialmacht unabhängig zu erklären. Portugal hielt sich Teile seiner afrikanischen Kolonien – Angola, Mosambik und Guinea-Bissau – gar bis 1974.
Die koloniale Situation ist eine gewaltvolle Situation
Berühmt und berüchtigt wurde Fanons “Verdammte dieser Erde” vor allem wegen seines ersten Kapitels, “Von der Gewalt”. Darin hält er fest, dass “die Dekolonisation immer ein Phänomen der Gewalt ist”. Entgegen vieler Fehlinterpretationen, die behaupten, Fanon sei ein blutrünstiger Gewaltverherrlicher, muss seine Argumentation in ihrer Vollständigkeit betrachtet werden.
Dekolonisation, so lehrt uns die Geschichte, wird nicht am grünen Tisch ausverhandelt, und auch nicht durch eine Audienz vor dem Papst vollzogen, wie es anfänglich Amílcar Cabral, der Anführer der antikolonialen Partisanenbewegung in Guinea-Bissau, versucht hatte. Dekolonisation ist die gänzliche Zerstörung eines brutalen, barbarischen Systems, auf dessen Trümmern eine neue Welt errichtet wird. Dabei ist der bewaffnete Befreiungskampf die notwendige logische Konsequenz.
Die Bedingungen dafür schafft das koloniale System selbst. Vom Tag der kolonialen Besatzung an wird Gewalt von den Kolonialherren in ihrer Reinform ausgeübt. Mittels moderner Waffen wurden sich gesamte Kontinente untertan gemacht, traditionelle Nahrungsmittelproduktionen zerstört, und indigene Bevölkerungen durch eingeschleppte Krankheiten auf ein Minimum reduziert, um schließlich Arbeitskräfte über den transatlantischen Sklavenhandel zu importieren.
In einem späteren Stadium des Kolonialismus trennt die Gewalt, ausgedrückt durch Militär und Polizei, die kolonialisierte Welt in zwei Teile: einer für weiße Europäer:innen und die Nachfahren der Kolonialherren, einer für die Kolonisierten. Der getrennte Zugang zu Institutionen wie Schulen, religiösen Stätten oder medizinischen Versorgungseinrichtungen verweist die Kolonisierten ständig an den untersten Platz der Stufenleiter; ein Akt der Entmenschlichung, der nicht nur körperlich, sondern auch geistig in Krankheitszuständen mündet.
Die koloniale Ordnung führe bei den Kolonisierten zu einem “Zustand permanenter Anspannung”, so Fanon. Durch spirituelle Tänze, mythische Erzählungen und Ekstasen würde sich diese Anspannung entladen. Doch erst der revolutionäre Befreiungskampf schaffe einen neuen Menschen, der aus seiner Unterwerfung austritt, sich seiner Menschlichkeit vollständig bewusst wird und diese zurückerobert.
Das Beispiel Algerien
Dass Algerien tatsächlich bis 1962 unter französischer Kolonialherrschaft stand, liegt an dem besonderen Status, als Teil des französischen “Mutterlandes” gegolten zu haben. Über Jahrzehnte hinweg wurden den lokalen Eliten falsche Versprechungen gemacht, eines Tages dieselben Rechte wie französische Staatsbürger:innen zu erhalten.
Am 8. Mai 1945 gingen in der algerischen Stadt Sétif Menschen auf die Straßen, um einerseits den Sieg über die Nazis zu feiern und andererseits die Befreiung von ihrer kolonialen Unterjochung einzufordern. Auf die Proteste wurde von der französischen Polizei mit massiven Repressionen reagiert, mehrere tausend Menschen kamen dabei ums Leben. Ein Ausschnitt dessen, was als Katalysator für die ersten Überlegungen zu einem organisierten bewaffneten Befreiungskampf gilt.
Der bewaffnete Befreiungskampf per se ist kein Selbstzweck und ist in bestimmten kolonialen Situationen eine Notwendigkeit im Dienste der Selbstbestimmung und vollständigen Zerstörung kolonialer Ordnungen. Auch wenn sich die Fremdherrschaft auf der politischen Landkarte seit 1975 stark reduzierte und die meisten Befreiungskämpfe in der Unabhängigkeit mündeten, darf nicht vergessen werden, dass gerade im Globalen Süden tagtägliche Kämpfe gegen imperialistische Ausbeutung andauern, sei es durch Streiks, zivilen Ungehorsam oder eben mit Gewalt.



