Wenn hierzulande über die baskische Unabhängigkeitsbewegung berichtet wird, dann wird sie meist auf die Anschläge der ETA (Euskadi Ta Askatasuna; Baskenland und Freiheit) reduziert. Doch das Baskenland ist auch die Region mit den meisten sozialen Kämpfen in ganz Westeuropa. In keiner anderen europäischen Region ist es gelungen, dass der Kampf für “Unabhängigkeit und Sozialismus” einen derart starken Rückhalt in der Gesellschaft hat. Aber warum ist das so, wenn die baskische Linke doch angeblich nur aus kriminellen Terroristen besteht?


Die Geschichte des baskischen Kampfes für Unabhängigkeit ist untrennbar mit der Geschichte der ETA verbunden. Vor allem in ihrer Anfangszeit ab 1959, unter der faschistischen Franco-Diktatur, agierte sie als antifaschistische Einheitsfront. Bis 2018 existierte die ETA als paramilitärische Organisation, die für ein selbstständiges, sozialistisches Baskenland kämpfte. Dabei war sie immer nur ein Teil eines Spektrums bestehend aus verschiedenen Parteien und Organisationen mit demselben Ziel. Diese Organisationen werden unter dem Oberbegriff Ezkera Abertzale (Patriotische Linke) zusammengefasst.

Einige dieser Parteien haben sich zu dem Wahlbündnis EH Bildu (Baskenland versammelt) zusammengeschlossen. Damit kommen sie bei Wahlen regelmäßig auf 25 Prozent und haben besonders in den ländlichen Gegenden zwischen Bilbao und Donostia-San Sebastián ihre Hochburgen. Dort erzielen sie nicht selten Wahlergebnisse um die 80 Prozent.

Die Ezkera Abertzale ist für europäische Verhältnisse einer fast einzigartigen Repression ausgesetzt: Willkürliche Verhaftungen, Folter, Parteienverbote und Verbote von Zeitungen sind keine Seltenheit. Noch heute ist das Baskenland die Region mit der höchsten Polizeidichte und den meisten politischen Gefangenen in ganz Europa. Mehr als 300 baskische Gefangene sind heute noch in spanischen Gefängnissen inhaftiert. Doch selbst die stärkste Repression konnte dem Rückhalt der Ezkera Abertzale in der Bevölkerung nichts anhaben.

Die baskische Bewegung für den Sozialismus hat nichts vom plumpen Antinationalismus, der in der österreichischen Linken gängig ist, wie ein Blick auf ihren Umgang mit ihrer nationalen Kultur und Folklore zeigt. Dort wird das Tragen von nationalen Symbolen, der Kampf für die baskische Sprache und Kultur eher mit der Linken in Verbindung gebracht. Fast jedes Dorf hat eine Herriko Taberna (Heimatbar). Die waren oft wichtige Geldquellen für die ETA. Auch Volksfeste werden meist von der Ezkera Abertzale organisiert. Sie verfolgen dabei stets das Ziel, möglichst das gesamte gesellschaftliche und kulturelle Leben zu dominieren.

Besonders in den baskisch-sprachigen ländlichen, aber dennoch oft hochgradig industrialisierten Gegenden wird der nationale Konflikt als zentrale politische Achse wahrgenommen. Und so waren die baskischen Linken mit ihrer Strategie erfolgreich. Der Kampf um die kulturelle Identität war aber stets verbunden mit Arbeitskämpfen, Feminismus und allgemeinen emanzipatorischen Forderungen, wodurch er nie in einen Konservativismus abgeglitten ist. Da die linke baskische Unabhängigkeitsbewegung stets marxistisch dominiert war, wurde eine Nation auch nie ethnisch definiert und Migrant:innen auch stets eingebunden.

Was der baskischen Bewegung hier gelungen ist, lässt sich am besten mit dem Begriff Gegenhegemonie bezeichnen. Laut dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci regiert die bürgerliche Zwangsherrschaft nicht nur mittels Repression, sondern auch mittels Konsenses: Medien, Schulen, Popkultur sind alles Institutionen zur Produktion des Konsenses für die kapitalistische Gesellschaftsordnung. Um diese Ordnung zu stürzen, müssen daher möglichst alle relevanten Bereiche des gesellschaftlichen Lebens erkannt und hegemonial dominiert werden. Eine Gegenhegemonie zur vorherrschenden kapitalistischen Hegemonie muss aufgebaut werden. Der Alltagsverstand und die nationale Kultur spielen dabei eine entscheidende Rolle, da sich in ihnen die Menschen ihrer gesellschaftlichen Stellung bewusst werden.

Natürlich sind die baskischen Erfahrungen nicht eins-zu-eins auf Österreich umlegbar. Die besondere Bedeutung ihres Kampfes um kulturelle Identität hat auch in der Unterdrückung der baskischen Sprache in der Franco-Zeit ihren Ursprung. Trotzdem können wir von ihnen lernen, wie wichtig es ist, Hegemonie im sozialen und kulturellen Leben zu erreichen. Gelingen wird das aber wohl kaum mit einer eigenen abgehobenen “linken” Kultur, in der sich nur die eigene Bubble wiederfindet und die jegliche nationalen Gefühle als reaktionär abstempelt, sondern nur, wenn sie an die besten Traditionen einer Kultur anknüpft und sie mit fortschrittlichem Gedankengut verbindet. Als Beispiel sei hier der Austropop genannt, der stets fortschrittlich dominiert war, und mit dem man sicher mehr bei der Arbeiterklasse durchdringen kann als mit den Texten einer Antilopen Gang, die ihre Verachtung für die Arbeiter:innenklasse kaum verbergen können.

Der Kampf um die Hegemonie in einer Nation und der Kampf für den Sozialismus weltweit dürfen daher nicht als Gegensatz begriffen werden. Diese Kämpfe sind untrennbar miteinander verbunden. Wie Gramsci schon sagte: “Gewiss treibt die Entwicklung auf den Internationalismus zu, doch der Ausgangspunkt einer jeden Revolution ist national.”