Als erstes Mal, dass die Arbeiter:innen den Aufstand wagten und die politische Macht ergriffen, gilt heute die Pariser Kommune. Bis heute lebt ihre Erinnerung in der Arbeiter:innenbewegung fort, nicht zuletzt durch den damals entstandenen Liedtext der Internationale. Die Ereignisse im Paris des Frühjahrs 1871 ereigneten sich jedoch nicht im luftleeren Raum. Sie konnten nur unter spezifischen Bedingungen und Machtverhältnissen vom Reich der Möglichkeiten in die historische Realität übergehen.


Wie es zur Errichtung der Kommune kommen konnte

Wer ein historisches Ereignis verstehen will, muss die ökonomischen Gegebenheiten dieser Zeit verstehen. Denn bekanntlich machen die Menschen zwar ihre eigene Geschichte, doch diese machen sie stets unter bereits gegebenen Umständen.

Schauen wir etwas über 20 Jahre zurück: Im Februar 1848 betrat das Pariser Proletariat als selbstständige politische Kraft mit eigenen Interessen die Bühne der Geschichte und vertrieb den sogenannten “Bürgerkönig” Louis-Philippe. Im Juni desselben Jahres scheiterte jedoch ihr Aufstand gegen die neu gegründete provisorische Regierung und bei den Präsidentenwahlen im Dezember setzte sich schließlich Louis Napoleon, ein Neffe des Napoleon Bonaparte, durch. Dessen Politik lief auf einen Staatsstreich und seine Ausrufung zum Kaiser Napoleon III. hinaus. Dieses Kaisertum war Marx folgend “die einzige mögliche Regierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht erworben hatte”. Die Regierungsform des Napoleon III. ist als Bonapartismus bekannt, der als Form der Staatsführung immer dann auftritt, wenn im Klassenkampf ein Gleichgewicht herrscht.

Das Ende eines Wirtschaftsaufschwungs sowie ein Erstarken der Arbeiter:innenklasse brachte das bonapartistische Regime wieder in Bedrängnis. Die Machthaber traten die Flucht nach vorne an: Sie erklärten dem Königreich Preußen 1870 den Krieg. Diese Rettung schlug aber ordentlich fehl. In der Schlacht von Sedan erlitt Frankreich eine Niederlage, Napoleon III. wurde gefangengenommen. Das Regime war am Ende. Am 4. September 1870 riefen Arbeiter:innen in Paris die Republik aus.

An der Spitze der Regierung der neu gewählten Nationalversammlung stand Adolphe Thiers. Er lehnte die Republik ab und forderte stattdessen eine konstitutionelle Monarchie. Das mittlerweile von deutschen Truppen belagerte Paris war ihm ein Dorn im Auge. Die Stadt “war das einzige ernstzunehmende Hindernis auf dem Wege der konterrevolutionären Verschwörung”.

In Paris hat sich unterdessen einiges getan. In der Nationalgarde, wo vorher nur Bürger unter Waffen standen, konnten jetzt auch Arbeiter:innen und Arbeitslose teilnehmen. Sie hat sich von einer Bürgermiliz in eine Volksarmee verwandelt. Mit ihrer Hilfe konnten die Interessen der Pariser Arbeiter:innen auch militärisch gegen die französische Bourgeoisie verteidigt werden.

Paris unter der Regierung der Arbeiter:innenklasse

In der spezifischen Situation der Schwäche der französischen Bourgeoisie, ausgelöst durch den verlorenen Krieg gegen ihr deutsches Gegenstück, konnten die Arbeiter:innen von Paris die Macht ergreifen.

Der Beginn der Kommune gestaltete sich beinahe unblutig. Das Zentralkomitee der Nationalgarde machte sich an die Organisation des öffentlichen Lebens und beschloss, Wahlen zum Rat der Gemeinde, auf französisch Commune, durchzuführen. Die Kommune war “wesentlich eine Regierung der Arbeiterklasse”. Sie war “die endlich entdeckte politische Form, unter der die ökonomische Befreiung der Arbeit sich vollziehen konnte”.

Die Kommune maß sich aber keineswegs an, unfehlbar zu sein. Im Gegenteil, sie veröffentlichte ihre Reden und Handlungen und agierte so der Pariser Bevölkerung gegenüber völlig transparent. Die Kommune vereinte Legislative und Exekutive. Das stehende Heer wurde abgeschafft und durch eine allgemeine Volksbewaffnung ersetzt. Alle Funktionär:innen waren gewählt, verantwortlich und jederzeit absetzbar. Die Beamten verrichteten ihre Arbeit für einen durchschnittlichen Arbeitslohn. Zur Verbesserung der Lage der Arbeiter:innen wurden Mieten erlassen, eine unentgeltliche Schulbildung eingeführt.

Die Frauen der Kommune spielten eine nicht wegzudenkende Rolle. Sie kämpften in der Nationalgarde, nahmen Einfluss auf die Tagespolitik und waren in Frauenorganisationen wie der “Union des Femmes” organisiert, die nicht nur beim Aufbau von Barrikaden half, sondern auch die Organisation der Produktion von lebensnotwendigen Gütern übernahm.

Florian Grams kommt zu folgendem Schluss: “Hatten die Kommunarden zu begreifen, dass Frauen Genossinnen im gemeinsamen Kampf sind, so mussten die Frauen ihrerseits lernen, sich von althergebrachten und verinnerlichten Rollenbildern zu befreien.”

Niederschlagung und Rezeption

Bereits am 2. April 1871 gingen die Versailler Truppen gegen Paris in die Offensive. Unter ihnen fanden sich auch Kriegsgefangene, die Bismarck gegen Abschlagszahlungen freiließ. Hier sieht man, wie es zwischen zwei nationalen Bourgeoisien zu einer Klassensolidarität gegen das Proletariat kommt. Am 21. Mai konnten die Truppen schließlich in Paris eindringen. Sieben Tage lang verteidigten sich die Pariser Kommunard:innen heldenhaft. Am 28. Mai zwang die Übermacht Paris in die Knie. Mindestens 30.000 Kommunard:innen wurden ermordet.

Die Errungenschaften der Himmelsstürmer von Paris, aber auch ihre Fehler – aus denen wir lernen müssen – werden breit rezipiert. Folgt man Marx’ Argumenten, scheiterte die Kommune vor allem daran, dass sie die Bank von Frankreich nicht enteignet hatte. Außerdem hätte man die direkte Konfrontation mit der Zentralregierung suchen müssen. Lenin betont das Fehlen einer Arbeiterpartei sowie die nicht vorhandene Schulung der Arbeiter:innenklasse.

Es gibt jedoch genügend Gründe, das Paris der Arbeiter:innen als Keim einer sozialistischen Gesellschaft anzusehen. So ist die Kommune längst Bestandteil der Geschichte der Arbeiter:innenbewegung und wird in den Worten Marx’ “ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft”.