Flavia Matei ist Architektin und die Co-Gründerin der Organisation IG24 – Interessensgemeinschaft der 24h-Betreuer:innen (www.ig24.at), die an der Seite migrantischer 24-Stunden-Personenbetreuer:innen für höhere Löhne und bessere Arbeitsrechte im österreichischen Care-Sektor kämpft. Sie ist in Timișoara, Rumänien, aufgewachsen und wohnt seit dreizehn Jahren in Wien.


Du bist Teil von “D.R.E.P.T. pentru îngrijire” (auf Deutsch Gerechtigkeit für Pflegearbeit). Was ist D.R.E.P.T. und wie sieht eure Arbeit aus?

“D.R.E.P.T.” ist eine Abteilung des Vereins IG 24. Es ist eigentlich eine informelle Gruppe, die aus der Selbstorganisierung der rumänischen Betreuer:innen entstanden ist. Daraus ist ein Verein geworden und in der Pandemie haben wir eine ähnliche slowakische Gruppe kennengelernt. Aus der Zusammenarbeit von diesen zwei Gruppen ist IG 24 als Interessensgemeinschaft entstanden.

Welche Probleme haben rumänische Pfleger:innen in Österreich?

Zuerst müssen wir zwischen Pfleger:innen und Betreuer:innen unterscheiden. Das sind eigentlich zwei ganz unterschiedliche Berufe. Die Pfleger:innen haben eine Ausbildung, die sie dazu qualifiziert, pflegerische Tätigkeiten auszuüben. Betreuer:innen sind eher als Unterstützung für die betroffenen Personen gedacht, also für das Aufrechterhalten der sozialen Kontakte, Unterstützung im Alltag, Begleitung zu unterschiedlichen Terminen, Kochen, Putzen.

So ist es auf der theoretischen Ebene. In der Realität üben auch die Betreuer:innen Pflege aus – diese Grenzen werden in der Realität schwammiger und unklarer. Selbstverständlich versuchen alle in diesem System die Grenzen weiter zu drücken, beziehungsweise versuchen die Familien, so wenig Geld wie möglich auszugeben, aber dafür maximale Leistungen zu bekommen.

Das Hauptproblem ist aber, dass die Betreuer:innen in dieser großen Verhandlung von Grenzen die schwächste Position haben. Als Migrant:innen sind sie in einem fremden Land und sprechen oft die Sprache nicht. Übrigens müssen sie in dem Haus mit ihrem Auftraggeber wohnen. In dieser Position ist es natürlich schwierig, “nein” zu sagen oder klare Grenzen zu setzen.

Setzt sich “D.R.E.P.T.” für die Rechte von Betreuer:innen und Pfleger:innen ein?

Wir vertreten nur die Interessen der Betreuer:innen. Das hat mit der rechtlichen Seite zu tun. Pfleger:innen sind meistens angestellt, während die Betreuer:innen als Selbstständige arbeiten. Angestellte haben eine starke Interessensvertretung durch die Arbeiterkammer, durch die Gewerkschaften. Es gibt aber einfach keine Institutionen, die für die Betreuer:innen zuständig sind. Die Wirtschaftskammer vertritt auch die Agenturen – ein klarer Interessenkonflikt.

Wir haben am besten in der Pandemie gesehen, wie Betreuungskräfte, die sowas wichtiges wie Care-Arbeit leisten, als Ware behandelt wurden, die von Land A nach Land B transportiert werden musste. Betreuer:innen werden nicht als gleichberechtigte Arbeiter:innen behandelt, sondern als uniformierte, inkompetente Menschen, die bereit sind, alles zu tun.

Welche Besonderheiten gibt es bei den Arbeitsbedingungen der 24-Stunden-Betreuung?

Die besondere Haupteigenschaft ist, dass die Betreuer:innen in einem Haushalt mit der zu betreuenden Person leben müssen. Es ist oft so, dass sie nicht mal Pausen haben. Sie sind 24 Stunden am Tag bei der betreuten Person. Sie brauchen diesen Rückzugsort: “Okay, nach so vielen Stunden gehe ich woanders hin und da bin ich alleine und kann mich regenerieren.” Sie sind einfach jede Minute in Bereitschaft. Ruhezeit haben sie nur in der Nacht, wo sie immer noch in Bereitschaft stehen müssen.

Stell dir vor, du bist Betreuer:in und hast eine Person zu betreuen, im selben Haus wohnt aber auch die Ehefrau. Wenn du für den Ehemann kochst, dann kochst du automatisch auch für die Ehefrau, du wirst die dritte Person aus Respekt nicht ausschließen. Schritt für Schritt werden einfach diese Grenzen weiter geschoben.

Welche Folgen hat die Arbeitsmobilität für Familien in Rumänien?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Die bittere Sache dabei ist, dass die Betreuer:innen gar nicht sozial abgesichert sind. Das sind schmerzhafte Geschichten. Niemand macht diese Arbeit mit Leichtigkeit. Ich versuche immer, sehr vorsichtig über dieses Thema zu reden, weil diese Frauen Heldinnen sind.

Alle Betreuer:innen, die ich kenne, arbeiten hier, um ein besseres Leben für ihre Kinder und für ihre Familien sichern zu können. Hier reden wir auch über alleinerziehende Frauen, die ihre Kinder bei den Großeltern oder Verwandten zu Hause lassen mussten.

Wie vernetzen und solidarisieren sich die Betreuer:innen?

Die Kolleg:innen aus der Branche sind selber aktiv und da mischen wir Aktivist:innen uns wenig ein. Dann gibt es diese politische Ebene, wo die Sprachbarriere für viele Kolleg:innen ein Problem darstellt. Da steigen wir Aktivist:innen ein, zum Beispiel versuchen wir, dass keine Betreuer:innen in Interviews oder Reportagen erkannt werden können, damit sie keine Probleme am Arbeitsplatz bekommen.

Es gibt sehr, sehr viele systematische Probleme und alle sind mit der Selbstständigkeit verbunden. Deshalb ist es kein Zufall, dass das Modell der selbständigen Betreuung in Österreich am beliebtesten ist. Viele Institutionen und der Staat sparen sich eine Menge Arbeit und die Verantwortung wird auf die Schultern der Arbeitskräfte gelegt.