Das Thema Prostitution wird in der heutigen Gesellschaft kontrovers diskutiert, auch in Bezug auf seine Rolle im Kapitalismus. Während in Parteien wie der ÖVP das Thema oft auf eine sittliche Ebene gestellt wird, argumentieren SPÖ und Grüne für eine stärkere Regulierung. Eine klare, durch Fakten belegte Position ist auf dem Schauplatz der österreichischen bürgerlichen Parteien nirgends zu finden.
In der linken Szene löst das Thema Prostitution eine gleichermaßen starke Spaltung aus. Während einige argumentieren, dass käuflicher Sex eine Form der Ausbeutung und Unterdrückung von Frauen darstelle und abgeschafft werden solle, setzen sich andere Strömungen mit dem stark umstrittenen Slogan “Sexarbeit ist Arbeit” für eine Legalisierung und Regulierung ein. Daraus ergibt sich aber die entscheidende Frage: Wie wird Sexarbeit definiert? Kann man “OnlyFans”-Manager:innen, Bordellbesitzer:innen, Fotograf:innen der Escortagenturen und Prostituierte gleichsetzen?
Die Realität der Prostitution in Europa
In Deutschland, dem sogenannten “Bordell Europas”, gibt es keine verlässlichen wissenschaftlichen Daten zur Prostitution, auch wenn es Schätzungen gibt, die von bis zu 400.000 Prostituierten ausgehen. Ende 2020 waren laut Statistischem Bundesamt nur 24.900 Prostituierte offiziell nach dem Prostituiertenschutzgesetz registriert. Das kann ein starker Indikator dafür sein, dass die große Mehrheit im Graubereich agieren.
Es ist bekannt, dass hauptsächlich Mädchen und Frauen aus dem Ausland in der Prostitution tätig sind. In Österreich kommen etwa neun von zehn Prostituierten aus anderen Ländern. Diese Frauen stammen vor allem aus den “Armenhäusern” Europas wie Rumänien, Bulgarien und Ungarn.
Das ist kein Zufall und hat mit der Position dieser Länder im Imperialismus zu tun. Diese Verhältnisse spiegeln sich auch darin wider, dass der Prostitutionsmarkt oft Nationalitätskategorien anbietet, die mit Migration und rassistischen Stereotypen verknüpft sind. In den Augen der Freier und Zuhälter ist Sexualität untrennbar mit einer rassistischen und kolonialistischen Mentalität verbunden.
Märkte und Wettbewerb
In der Sexindustrie wird die Position einer Frau auf dem Markt nicht nur durch ihre Nationalität oder ethnische Herkunft bestimmt, sondern auch durch die spezifischen Dienstleistungen, die sie bereit ist anzubieten. Wenn eine Kollegin im selben Haus mehr Leistungen anbietet, kann dies dazu führen, dass man weniger verdient. Wenn man sichere Arbeitsbedingungen fordert, findet man anderswo leicht eine noch stärker ausgebeutete Frau.
Von der Entkriminalisierung von Zuhältern und Kunden, wie etwa im Rahmen des “Prostitutionsschutzgesetzes” in Deutschland, profitierten nicht die Prostituierten, sondern die Sexindustrie. Markt und Wettbewerb für den Handel mit Sex sind entstanden, Preise und Bedingungen für Prostituierte werden davon beeinflusst.
Das nordische Modell
Oft wird in diesen Fragen das sogenannte nordische Modell als Gegenpol zur deutschen Legalisierungsposition vorgebracht. Der nordische Ansatz entkriminalisiert alle Personen, die in der Prostitution tätig sind und bietet Unterstützungsdienste an, um ihnen den Ausstieg zu erleichtern. Den Kauf der sexuellen Dienstleistungen macht es aber zu einer strafbaren Handlung.
Das Verbot des Sexkaufs hatte Auswirkungen auf die Nachfrage und führte zu einer 50%igen Reduzierung der Straßenprostitution. Es hatte auch einen erheblichen normativen Effekt, da mittlerweile 79% der Frauen und 60% der Männer in Schweden das Verbot des Sexkaufs befürworten. Im Gegensatz dazu finden in Dänemark, wo der Sexkauf legal ist, die meisten Männer diesen in Ordnung. Es gibt jedoch keine Beweise dafür, dass das Sexkaufverbot zu einer Zunahme von Gewalt gegen Prostituierte geführt hat.
Die Fakten
In einer umfangreichen Studie der US-Wissenschaftlerin Melissa Farley wurden Frauen in der Prostitution aus neun verschiedenen Ländern nach ihren Hauptbedürfnissen befragt. Die Antwort war klar: Neun von zehn Frauen wollten aus der Prostitution aussteigen, hatten aber keine andere Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu garantieren.
Im selben Interview wurden folgende Ergebnisse dokumentiert:
- 71% der Befragten wurden in der Prostitution körperlich misshandelt
- 63% wurden in der Prostitution vergewaltigt
- 75% waren im Laufe ihres Lebens von Obdachlosigkeit betroffen
- 68% erfüllten die Diagnosekriterien für eine posttraumatische Belastungsstörung
Junge, migrantische, verarmte Prostituierte werden also auch in legalen Einrichtungen wie Bordellen, Sauna-Clubs und auf der Straße ausgebeutet. Demgegenüber gibt es eine kleine Minderheit tatsächlich selbstständiger Frauen in der Prostitution, die meist älter und einheimisch sind und oft im Domina- oder Escort-Bereich operieren. Schätzungen zufolge machen sie jedoch nur 2–5 % der Prostituierten in Deutschland aus.
In der öffentlichen Wahrnehmung herrscht eine eklatante Diskrepanz zwischen dem Ideal der vermeintlich freiwilligen Prostituierten und dem realen Leid der Elendsprostituierten aus dem südosteuropäischen Raum. Eine objektive Analyse der Fakten wird dadurch erschwert. Am Ende geht es bei “Sexarbeit ist Arbeit” mehr darum, die Interessen der Sexindustrie oder einer oft ökonomisch privilegierten Minderheit zu schützen, als Frauen zu schützen, die zur Prostitution gezwungen oder gedrängt werden.



