Herzinfarkte werden bei Frauen oft übersehen, da die Symptome nicht dem klassischen männlichen Muster entsprechen. Statt der akuten Brustschmerzen sind es bei Frauen eher unspezifische Anzeichen wie Luftnot, starke Übelkeit oder Schmerzen im Oberbauch. Zu unspezifisch seien die Symptome und wurden und werden daher auch oft nicht richtig erkannt. Ignoranz, Unwissenheit und Tabuisierung tragen dazu bei, dass Betroffene ihre Beschwerden oft selbst nicht richtig einordnen können.
Wir haben es also mit einer immensen Wissenslücke zu tun, deren Konsequenz eine mangelhafte Gesundheitsversorgung ist. Besonders für Frauen und queere Personen werden Schmerzen oder Krankheiten in einem patriarchal geprägten Gesundheitssystem oft zum Kampf ums Überleben.
Der Mann als Prototyp
Die männliche Anatomie gilt in der medizinischen Forschung nach wie vor als Norm und Standard. Frauenkörper sind hingegen kaum erforscht; ein Muster, das sich in alle Bereiche des Gesundheitssystems einschreibt. Frauen erleiden viel häufiger Nebenwirkungen bei der Einnahme von Arzneistoffen. Das kommt nicht von irgendwo. Medizinische Untersuchungen sind hauptsächlich auf junge Männer zwischen 18 und 35 Jahren ausgelegt.
Wegen angeblich praktischer Gründe müssten Frauen bei der Testung von Arzneistoffen vernachlässigt werden. Mit der Teilnahme von weiblichen Probandinnen erhöhe sich das Risiko, dass Hormonschwankungen des Zyklus die Studienergebnisse beeinflussen. Bereits bei Tierversuchen werden viel mehr männliche Mäuse und Ratten eingesetzt.
Tatsächlich ist die Miteinbeziehung von Probandinnen aufwendiger, um verlässliche Ergebnisse zu erzielen. Dennoch darf dies nicht als gültiges Argument für ihren systematischen Ausschluss gelten. Schließlich werden Arzneimittel entwickelt, deren Wirkung an einer vergleichsweise kleinen männlichen Zielgruppe abgebildet wird. Klinische Medikamentenstudien ignorieren die Variable Geschlecht weitgehend.
Den Preis dafür bezahlen in erster Linie Frauen. Medikamente und Therapien werden mit geringerer Sicherheit verordnet. Letztendlich gibt es ja auch kaum Daten, wie Wirkstoffe bei Frauen abgebaut werden, wie Medikamente entsprechend dosiert werden sollten usw. Obwohl sich Forderungen nach mehr Frauen in Studien mittlerweile in internationalen Richtlinien finden lassen, steigt die Zahl der Arzneimittel, die auch an weiblichen Studienteilnehmerinnen getestet werden, nur langsam.
Die “hysterische Frau”
Die Gründe liegen allemal in einer männerzentrierten medizinischen Forschung, welche von Männern für Männer ausgelegt ist. Aber nicht nur diese Wissens- und Forschungslücke ist als Grund dieses Übels zu nennen. Die US-amerikanische Journalistin Maya Dusenbery nennt in ihrem Buch “Doing Harm: The Truth About How Bad Medicine and Lazy Science Leave Women Dismissed, Misdiagnosed, and Sick” die sogenannte Vertrauenslücke als weiteren ausschlaggebenden Faktor für die häufigen Fehldiagnosen und -behandlungen bei Frauen. Ärzt:innen glauben Frauen weniger als Männern. Beschwerden und Schmerzen seien reine Einbildung oder Übertreibungen, bekommt man als Frau und auch als queere Person nicht selten im Behandlungsraum zu hören.
Der “Gender-Pain-Gap” versucht aufzuzeigen, wie sehr die moderne Medizin von Sexismus durchdrungen ist. Annahmen, wonach Frauen eine höhere Schmerztoleranz hätten, weil sie schließlich auch Kinder gebären würden, sind in der ärztlichen Praxis Alltag. Laut einer US-amerikanischen Studie warten Frauen in der Notaufnahme um 16 Minuten länger auf ein Medikament als männliche Patienten. Während Männern ein “stoisches” Ertragen von Schmerzen zugeschrieben wird, sind es Frauen, die “sensibel” reagieren würden oder auch “hysterisch” werden.
Zwar verschwand der Begriff der “Hysterie” aus dem modernen medizinischen Sprachgebrauch, doch versteckt sich auch heutzutage nicht allzu selten ein Stück Hysteriegeschichte in beispielsweise psychosomatischen Diagnosen. Kein geringerer als Sigmund Freud tat sein Übriges und ernannte die “Hysterie” zu einer psychischen Krankheit, wohlgemerkt einer “Frauenkrankheit”. Schließlich geht der Begriff auf das altgriechische Wort für Gebärmutter zurück.
Misogyne Medizin
Die lange misogyne Tradition in der Medizin hat unterschiedlichste Auswirkungen auf unsere heutige Lebensqualität. Geschlechtsspezifische Krankheiten werden kaum erkannt und selbst wenn, werden sie ignoriert. Am Beispiel der Endometriose – einer chronischen Erkrankung der Gebärmutter, die heftige Schmerzen und unregelmäßige Blutungen verursachen kann – wird dies besonders deutlich. 10-15 Prozent von Menschen mit Uterus sind davon betroffen. Die Diagnose dauert im Durchschnitt 7-9 Jahre. Es ist die zweithäufigste Krankheit bei Menschen im gebärfähigen Alter. Die Krankheit ist kaum erforscht, es mangelt an Wissen, Aufklärung und wirkungsvollen Therapien. Betroffene berichten von jahrelangen Leidenswegen. So bleibt für Betroffene oft der einzige Ausweg, sich mit den chronischen Schmerzen zu arrangieren und ungehört zu bleiben.
Probleme, die systemisch hervorgebracht werden, wie Forschungsdefizite, mangelnde gesundheitliche Versorgungsleistungen, Ärzt:innen die unter Zeitdruck arbeiten, werden letzten Endes an einzelne Individuen abgewälzt.
Mit dem Aufkommen der Gender-Medizin in den 1990er Jahren tat sich ein Hoffnungsschimmer auf. Geschlecht als Variable sollte einen zentralen Stellenwert in der medizinischen Forschung einnehmen. Darüber hinaus wird dafür plädiert, dass mit möglichst wenig Vorannahmen ärztlich behandelt werden soll, um auch für Trans- oder Interpersonen eine diskriminierungsfreie und adäquate Gesundheitsversorgung zu bieten. Doch so lange Profit und patriarchale Strukturen die treibenden Motoren im Gesundheitssystem sind, das auf schnelle Ergebnisse, Reduktion von Komplexitäten und Wohlbefinden von Männern ausgerichtet ist, dürfen wir von einer bedarfs- und gemeinwohlorientierten gesundheitlichen Versorgung vorerst wohl nur träumen.



