Ich verstehe viel zu wenig von Klimakunde, um entscheiden zu können, ob es wirklich eine gute Idee wäre, zum Zweck der Ablenkung anderfalls meereserwärmender Sonneneinstrahlung große Packen von gefrorenem Wasser und flüssigem Sauerstoff mit Katapulten in die Labradorströmung zu feuern, die dann auch noch Akkumulationskerne für Schnee- und Eisflächen sein könnten, wie sich das L.X. Beckett am Anfang der im August 2020 veröffentlichten Science-Fiction-Erzählung “The Immolation of Kev Magee” (im Magazin “Clarkesworld”, Ausgabe Nr. 167) ausmalt.

Beckett deutet in der Story an, dass derlei auf eine bloß kosmetische Maßnahme hinausliefe; finanziert wird es in der Geschichte von einem Milliardär, der mit solchen weltverbessernden Initiativen die weltweite öffentliche Meinung auf seine Seite ziehen will, weil er (wohl nicht ganz unbegründet) fürchtet, andernfalls enteignet zu werden.

Becketts schöne Engführung zwischen einerseits einem technischen Kniff zur Mäßigung der ökologischen Folgen bisheriger Verbrecherwirtschaft und andererseits einem ökonomisch-politischen Schachzug zur Ablenkung gesellschaftlich produzierter Unzufriedenheit ist ein netter literarischer Einfall, und als Skizze einer Analyse der Scheiße, in der wir uns derzeit global befinden, nicht unelegant.

Ob die Besitzenden ihren Besitz mit dergleichen vor der Beschlagnahmung durch eine unter immer wüsteren Wettern leidenden Menschheit wirklich würden retten können, weiß ich so wenig, wie ich weiß, ob, siehe oben, das Weltklima davon viel hätte; ganz sicher aber bin ich mir, dass ich mit meinen Wissenslücken in diesen Angelegenheiten nicht allein stehe.

Denn weil es Probleme wie die, vor denen die Gattung Mensch derzeit steht, auf diesem Planeten noch nie gegeben hat, steht halt auch in keinem Rezeptbuch, was dagegen hilft. Es muss also geraten, geforscht und getestet werden; dafür sind Kapazitäten freizusetzen und herzustellen, dafür ist die Produktivität der Gattung weiterzuentwickeln, die Produktivkraft Wissenschaft zuallererst. Man kann das “Wachstum” nennen, aber man darf es dann nicht mit dem Kennziffernblödsinn verwechseln, den die unterm Kapitalverhältnis zum Zweck von dessen akademischer und verwaltungstechnischer Rechtfertigung, Handhabung und Verewigung geschaffenen Lehren der Betriebs- oder der Volkswirtschaftslehre, der bürgerlichen Mikro- und Makroökonomik den ganzen Tag so treiben.

Am Liebsten setzen diese sogenannten Wissenschaften, wenn sie von “Wachstum” reden, einen Skalarwert (also etwas, das einen quantitativen Betrag hat, aber keine qualitative Richtung) für etwas ein, das eigentlich keine bloß skalaren Attribute, sondern mindestens entscheidende Feldeigenschaften in mehreren Dimensionen aufweist. Das heißt, sie sagen zum Beispiel, “die deutsche Wirtschaft” oder “der österreichische Markt” oder “das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz” seien um so und so viel gewachsen oder geschrumpft. Das ist für Fragen der Versorgung wirklicher Menschen mit Gebrauchswerten (Waren, Dienstleistungen, Infrastruktur, Produktionsmittel, Distributionsmittel, Bildung, Gesundheit, Kommunikation…) ungefähr so sinnvoll, wie wenn jemand auf eine Erkundigung nach dem Frühling in Berlin oder Palermo sagen würde: “in Europa war die Temperatur gestern 16° Celsius”, ermittelt als Durchschnitt oder auf sonst einem hirnkrummen Pfad der dumpf nivellierenden Generalisierung.

Der Sinn solcher Nivellierungspraxis (“alles in einen Kennzahlentopf und nicht mal richtig umrühren”) ist die Verschleierung der andernfalls offenkundigen Tatsache, dass Wachstum von Profit beispielsweise Verarmung Nichtbesitzender (in Lebenszeit oder Gesundheit oder Gebrauchswert der Natur zur Reproduktion der Arbeitskraft) impliziert und also manchmal bei dem Spiel Zunahmen verbucht werden, wo eigentlich Werte verfallen, damit man nur ja nicht sieht, dass die Frage “Wachstum für wen?” eine Klassenfrage ist.

Die Betragsbestimmungsmaschinen für ökonomische Kennziffern, die der Kapitalismus da betreibt, sind nicht einmal in der Lage, die von der blöden alten Propaganda des (im imperialistischen Zeitalter der Monopole ohnehin abgetanen) sogenannten “freien Spiels der Kräfte der Konkurrenz” angeblich todsicher ermittelte “Nachfrage” nach irgendetwas herauszukriegen; sie finden allenfalls die ZAHLUNGSKRÄFTIGE Nachfrage, und die ist abermals ein Klassending.

Eine orthodox marxistische Kritik an alledem diagnostiziert treffend, dass das Wachstum, oder mit einem von Marx bei dergleichen unvermeidlich ebenfalls wachsenden Verschleiß- und Zerstörungspotentialen der Ausbeutung von Ressourcen (die Hauptressourcen heißen bei Marx sehr allgemein und sehr anschaulich: “der Arbeiter und die Erde”) nicht Schritt halten. Daher jetzt der ganze Dreck und Schaden.

Das bessere Produktionsverhältnis, das Marx, Lenin und überhaupt die ganze Klassik des wissenschaftlichen Sozialismus, so verschieden diese Leute zwischen Rosa Luxemburg und Walter Ulbricht sonst über vielerlei gedacht haben mögen, heißt Sozialismus.

Es setzt an die Stelle der profitgesteuerten die gebrauchswertorientierte Entwicklung der Produktivkräfte. Was das für Menschen, und zwar schon die jungen und jüngsten, konkret heißt, war im Prinzip früh geklärt, nämlich als Marx es glasklar formulierte: “sämtliche Kinder aller Bevölkerungsschichten schon vom Augenblicke an, wo sie des ersten mütterlichen Schutzes entbehren können, in Staatsanstalten und auf Staatskosten zu erziehen und zu unterrichten, und zwar Erziehung und Unterricht zu verbinden mit körperlicher Ausbildung und produktiver Arbeit, polytechnischer Bildung, und das nicht nur als einer Methode zur Steigerung der gesellschaftlichen Produktion, sondern als der einzigen Methode zur Produktion vollseitig entwickelter Menschen”.

Dass zu diesen Arbeitszweigen inzwischen die Rettung der irdischen Biosphäre gehört und dabei außer den Kindern und jungen Personen auch die Erwachsenen eine ganze Menge lernen und arbeiten werden müssen, so gut sie’s eben hinkriegen, wenn wir die Kurve noch kriegen wollen, konnte Marx nicht wissen. Aber es macht seine Empfehlung nur dringlicher und die “Ausbildung”, von der er spricht, zu einer Angelegenheit aller. Denn diese Ausbildung, das eben ist der Sozialismus.


Dietmar Dath gilt als “Enfant terrible” der deutschsprachigen Literatur. Er ist Schriftsteller, Journalist und Übersetzer und war lange Zeit Chefredakteur der Zeitschrift “Spex”.