Im Westen der Sahara, rund 100 Kilometer Luftlinie von den Kanarischen Inseln, tobt seit fast drei Jahrzehnten ein Kalter Krieg. Ein eingefrorener Konflikt, von dem die wenigsten Menschen hierzulande je gehört haben. Auf einem Gebiet, das halb so groß wie Frankreich ist, befindet sich die letzte Kolonie Afrikas: Die Westsahara.


Seit 1975 wird die Westsahara von Marokko völkerrechtswidrig besetzt. Seitdem ringt die lokale Bevölkerung – die Sahrauis – für das universelle Recht auf Selbstbestimmung. 16 Jahre lang kämpfte die sahrauische Befreiungsbewegung Frente Polisario gegen die marokkanischen Besatzer in einem blutigen Unabhängigkeitskrieg. Rund 15.000 Tote und Massenvertreibungen waren die Folge.

1991 konnten die Vereinten Nationen einen Waffenstillstand aushandeln, ein Unabhängigkeitsreferendum wurde versprochen. Bis heute wurde dieses nicht abgehalten. Die Befreiungsbewegung Frente Polisario kontrolliert nur ein Viertel des Gebiets. Getrennt werden die Konfliktparteien durch eine von den Vereinten Nationen überwachte Pufferzone. In den Flüchtlingslagern im benachbarten Algerien gründete sich die Exilregierung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara und kämpft seitdem einen mühevollen Kampf gegen die Ausbeutung ihres Landes.

Die riesigen Phosphat- und Fischvorkommen der Westsahara werden von der marokkanischen Regierung an europäische Konzerne verscherbelt. Die EU profitiert massiv von der Besatzung und hat deshalb auch kein Problem damit, bei der Unterdrückung und Folter der Sahrauis ein Auge zuzudrücken.

Die Welt hat lange weggesehen. Zu lange – denn seit 13. November 2020 ist der kalte Krieg wieder heiß geworden: An diesem Tag versuchten sahrauische Aktivisten, die Pufferzone nach Mauretanien zu passieren. Sie wollten damit gegen die Ausplünderung ihrer Heimat protestieren. Die marokkanische Armee zog die Reißleine: Sie marschierte in die Pufferzone ein und löste den Protest gewaltsam auf. Der Waffenstillstand ist somit Vergangenheit. Was die Zukunft bringt, weiß niemand. Die Frente Polisario hat Marokko militärisch wenig entgegenzusetzen. Mit dem Traum von der Heimat im Herzen kämpfen sie trotzdem gegen die hochgerüstete marokkanische Armee.

Schon 1916 schrieb Lenin: “Alle Völker haben das Recht auf Selbstbestimmung. Kraft dieses Rechts entscheiden sie frei über ihren politischen Status und gestalten in Freiheit ihre wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung.” Wer das Leid in den Flüchtlingslagern Algeriens und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung in den Gesichtern einer ganzen Generation gesehen hat, weiß, dass dies keine leere Phrase sein kann. Die Sahrauis brauchen mehr als nur Gedanken – sie brauchen unsere Solidarität.