Menschen sind Naturwesen. Ihre Grundbedürfnisse sind natürliche: Nahrung, Schutz vor Naturgewalten, Sicherung ihrer Existenz. Auch Tiere haben diese Grundbedürfnisse. In der entwicklungsgeschichtlichen Verschränkung von Arbeit, Gesellschaft und Sprache haben sich die Menschen aber im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Tierreich herausgearbeitet. Das war ein langer Prozess, der schließlich dazu führte, dass die Menschen mittels Arbeit die Produkte zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse herstellen. “Die Arbeit ist zunächst ein Prozess zwischen Mensch und Natur, ein Prozess, worin der Mensch seinen Stoffwechsel mit der Natur durch seine eigene Tat vermittelt, regelt und kontrolliert. […] Indem er durch diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigene Natur.” (Marx, Das Kapital, MEW 23: 192)
Dieser “Stoffwechsel mit der Natur” ist die Grundlage für Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse. Die Produktivkräfte sind in erster Linie die Menschen und das von ihnen erarbeitete wissenschaftlich-technische Wissen. Zu den Produktivkräften zählen auch die Produktionsmittel, sowohl Arbeitsmittel – also Werkzeuge und Maschinen – als auch die Arbeitsgegenstände – also natürliche Rohstoffe und Ressourcen. Die gesellschaftlichen Beziehungen, welche die Menschen unabhängig von ihrem Willen in der Produktion des materiellen Lebens eingehen und in die jede Generation hineingeboren wird, sind die Produktionsverhältnisse. Dies ist die “in letzter Instanz” (Engels) entscheidende ökonomische Basis, die in Wechselwirkung mit einem rechtlichen und politischen sowie wissenschaftlichen, kulturellen, ideologischen Überbau verbunden ist. Der “juristische Ausdruck” (Marx) des bestimmenden Produktionsverhältnisses – der Stellung der Menschen im Produktionsprozess – ist das Eigentum.
Die Menschen und ihre Gesellschaft sind mit der Natur in einer Wechselwirkung verschränkt. Die Menschen sind also aus der Natur hervorgehende, von der Natur abhängige, der Natur entgegengesetzte, die Natur und damit sich selbst gesellschaftlich gestaltende Naturwesen. Wie sich die Verschränkung von Gesellschaft und Natur gestaltet, hängt wesentlich von den Produktions-, also den Eigentumsverhältnissen ab.
Der Hauptwiderspruch von klassen-gesellschaftlichen, insbesondere kapitalistischen Produktionsverhältnissen ist, dass der gesellschaftliche Reichtum – die materiellen, sozialen, kulturellen und wissenschaftlich-technischen Werte und Errungenschaften – von den Arbeitenden, also der großen Mehrheit der Menschen, gesellschaftlich produziert wird, aber der allergrößte Teil dieses gesellschaftlichen Reichtums von den Besitzenden privat angeeignet wird.
Da im Kapitalismus den Besitzenden die Produktionsmittel gehören und sie über diese frei nach ihren privaten, d.h. von Verwertung und Profit geleiteten Interessen verfügen können, sind die gesellschaftlichen Verhältnisse und das Verhältnis von Gesellschaft und Natur von Entfremdung und Ausbeutung geprägt. Durch ihr privates Eigentum an Produktionsmitteln – die eben nicht nur Maschinerie als Arbeitsmittel, sondern gerade auch natürliche Rohstoffe als Arbeitsgegenstände einschließen – eignen sich die Besitzenden sowohl die Arbeit und deren Produkte, als auch die Natur und ihre Ressourcen privat an. Dies hat eine dreifache Entfremdung zur Folge:
Zum Ersten eine Selbstentfremdung, weil die Arbeitenden nicht selbstbestimmt über sich und ihre Tätigkeit verfügen können und ihnen ihre Tätigkeit als Leiden anstatt als Verwirklichung entgegentritt.
Zum Zweiten eine Entfremdung des Mensch-Seins (Gattungsentfremdung), weil die Arbeit, die für die Entwicklung und Existenz der Menschen grundlegend ist, ihnen als Zwang anstatt als Betätigung und Bestätigung ihrer Menschlichkeit und Gesellschaftlichkeit entgegentritt.
Und zum Dritten eine Entfremdung von der (Um-)Welt, weil den Menschen die Natur und ihre aus der Arbeit hervorgehenden Gegenstände – die jeweils unter Bedingungen der Selbst- und Gattungsentfremdung produziert wurden – als fremde, ihnen feindlich gegenüberstehende (Um-)Welt entgegentreten.
So existiert die kapitalistische Produktionsweise nur, “indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.” (Marx, Das Kapital, MEW 23: 530). “Gegenüber der Natur wie der Gesellschaft kommt bei der heutigen Produktionsweise vorwiegend nur der erste, handgreiflichste Erfolg in Betracht; und dann wundert man sich noch, dass die entfernteren Nachwirkungen der hierauf gerichteten Handlungen ganz andre, meist ganz entgegengesetzte sind” (Engels, Dialektik der Natur, MEW 20: 455).
Die Umweltfrage ist eine Klassenfrage
Die Umweltfrage ist also eine Klassen- und Eigentumsfrage. Dies wird um so deutlicher, wenn man sich Überlegungen zu Umweltproblemen im Kapitalismus ansieht. Diese lassen sich ganz grob und verkürzend unter folgenden Schlagworten subsumieren: Weiter-wie-bisher und Green-New-Deal sowie Her-mit-dem-guten-Leben und Zurück-zur-Natur.
Weiter-wie-bisher ist die reaktionärste und gefährlichste, aber wohl weitreichend vorherrschende Variante, an die Umweltprobleme der Welt heranzugehen. Ein nicht kleiner Teil der herrschenden Klasse leugnet die menschengemachte Klimakrise schlichtweg oder spielt sie herunter. Die kurzfristigen Profitinteressen stehen über allem.
Demgegenüber steht der Green New Deal, der verspricht, innerhalb des Kapitalismus ökologisch umzusteuern. Doch auch hier geht es letztlich um neue Profitmöglichkeiten: CO2-Zertifikatehandel, neue Technologiemärkte und grüne Geldanlagen. Die Grundwidersprüche des Kapitalismus – privates Eigentum an Produktionsmitteln, Profitmaximierung, Anarchie der Produktion – bleiben unangetastet.
Die Variante “Her-mit-dem-guten-Leben” setzt auf individuellen Konsumverzicht und moralische Appelle. Während sicher ein bewussterer Umgang mit Ressourcen sinnvoll ist, verkennt dieser Ansatz, dass die Hauptverursacher der Klimakrise nicht die einzelnen Konsument:innen sind, sondern die kapitalistische Produktionsweise selbst.
“Zurück-zur-Natur” romantisiert eine vorkapitalistische Vergangenheit. Fortschritt wird pauschal abgelehnt, Wissenschaft und Technik werden verteufelt. Dabei wird übersehen, dass erst die kapitalistische Produktionsweise wissenschaftlich-technische Errungenschaften in ihr Gegenteil verkehrt und gegen Mensch und Natur richtet.
Eine wirkliche Lösung der Umweltprobleme erfordert daher die Überwindung der kapitalistischen Produktionsweise selbst. Nur durch die Vergesellschaftung der Produktionsmittel und eine demokratische, wissenschaftlich fundierte Planung der Produktion nach den Bedürfnissen der Menschen und im Einklang mit der Natur kann der zerstörerische Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur in einen nachhaltigen umgewandelt werden. Nicht zurück, sondern vorwärts – vorwärts zur Natur!



